Es gibt Reisen, bei denen man nach Hause kommt, die Fotos sortiert, ein paar schöne Erinnerungen behält und irgendwann wieder zum Alltag übergeht. Und dann gibt es Reisen, bei denen man Wochen später immer noch denkt: Was war das eigentlich für ein verrückter Flecken Erde?
Die Azoren gehören für uns eindeutig zur zweiten Kategorie.
Mitten im Atlantik liegen neun portugiesische Inseln, entstanden durch Vulkanismus und geprägt von einem Klima, das gefühlt innerhalb einer Viertelstunde sämtliche Jahreszeiten ausprobieren kann. Grün ist hier nicht einfach nur eine Farbe. Grün existiert auf den Azoren offenbar in ungefähr 700 Abstufungen. Dazu kommen Kraterseen, Steilküsten, Wasserfälle, Vulkanlandschaften, Hortensien, Kühe, heiße Quellen und ein Atlantik, der eigentlich ständig daran erinnert, wer hier das Sagen hat.
Unsere Reise führte über São Miguel, Flores, Faial, Pico, São Jorge und Terceira. Sechs Inseln, die geografisch gar nicht so weit auseinanderliegen und trotzdem erstaunlich unterschiedlich sind.
Und genau das macht die Azoren aus.
São Miguel – der perfekte Einstieg
São Miguel ist die größte Insel des Archipels und wahrscheinlich diejenige, auf der die meisten Azoren-Reisen beginnen. Der wichtigste Ort ist Ponta Delgada, eine angenehme kleine Stadt mit Hafen, Restaurants, historischen Gebäuden und genau der richtigen Größe, um nach einem langen Tag noch zu Fuß loszuziehen.
São Miguel liefert praktisch das komplette Azoren-Paket.
Im Westen liegen die berühmten Sete Cidades mit ihren Kraterseen. Von den Aussichtspunkten blickt man in einen riesigen Vulkankessel mit grünen und blauen Seen. Vorausgesetzt natürlich, die Wolken haben gerade beschlossen, einem tatsächlich etwas davon zu zeigen.
Ein weiteres Highlight ist die Lagoa do Fogo, der „Feuersee“. Die Straße hinauf führt durch eine zunehmend karge Landschaft, bis plötzlich dieser gewaltige Kratersee unter einem liegt. Eine dieser Stellen, an denen Fotos zwar hübsch aussehen, aber trotzdem nicht vermitteln können, wie groß das Ganze tatsächlich ist.
Im Osten wird São Miguel noch vulkanischer. Rund um Furnas dampft und blubbert es aus dem Boden. Schwefelgeruch gehört hier schlicht zur Landschaft. An den Caldeiras wird außerdem der berühmte Cozido das Furnas gegart: Fleisch und Gemüse kommen in einen Topf, der anschließend mehrere Stunden in heißem vulkanischem Boden verschwindet. Andere Länder benutzen einen Backofen. Die Azoren benutzen einen Vulkan.
Dazu kommen Thermalquellen, Teeplantagen, Aussichtspunkte und eine Küstenstraße, bei der man ungefähr alle zehn Minuten wieder anhalten möchte.
Und dann ist da noch der Atlantik.
Whale Watching auf São Miguel
Whale Watching gehörte zu den eindrucksvollsten Erlebnissen der gesamten Reise.
Mit einem Zodiac hinauszufahren ist etwas völlig anderes als eine gemütliche Bootstour. Man sitzt nah über dem Wasser, bekommt die Bewegung des Atlantiks ziemlich ungefiltert mit und versteht relativ schnell, warum wasserfeste Kleidung keine Marketingidee ist.
Dann tauchen Delfine neben dem Boot auf.
Spätestens in diesem Moment ist alles andere egal.
Wale oder Delfine in freier Wildbahn zu sehen ist schwer zu beschreiben. Man merkt plötzlich, wie absurd klein dieses Boot eigentlich ist und wie riesig der Atlantik. Für Fotografen kommt noch eine zusätzliche Erkenntnis hinzu: Tiere halten sich erstaunlicherweise nicht an Autofokusfelder, Bildgestaltung oder vorher geplante Brennweiten.
Trotzdem oder gerade deshalb: unvergesslich.
Flores – Natur dreht den Regler auf Anschlag
Wenn São Miguel bereits sehr grün ist, scheint Flores beschlossen zu haben, daraus einen Wettbewerb zu machen.
Der Hauptort ist Santa Cruz das Flores, ein kleines, ruhiges Städtchen im Osten der Insel. Flores selbst ist ebenfalls klein. Man könnte anhand der Kilometerzahlen vermuten, dass man die Insel schnell abgefahren hat.
Das ist Unsinn.
Denn ständig taucht irgendwo der nächste Aussichtspunkt, Wasserfall oder Kratersee auf.
Der wahrscheinlich spektakulärste Ort ist der Poço da Ribeira do Ferreiro. Von einer steilen grünen Felswand stürzen zahlreiche Wasserfälle in ein Tal. Davor liegt ein kleiner See, alles ist von dichter Vegetation umgeben.
Man steht dort und versteht ziemlich schnell, weshalb Flores seinen Namen trägt.
Nicht weniger beeindruckend ist der Poço do Bacalhau bei Fajã Grande. Ein hoher Wasserfall fällt direkt von der Steilwand herab. Dazu kommen Orte wie die Fajã de Lopo Vaz, wilde Küstenabschnitte und zahllose Miradouros.
Flores wirkt insgesamt ursprünglicher als São Miguel. Weniger Infrastruktur, weniger Verkehr, weniger Menschen. Dafür mehr Landschaft.
Sehr viel mehr Landschaft.
Hier versteht man auch schnell eine wichtige Azoren-Regel: Ein Tagesplan ist eine grobe Absichtserklärung. Das Wetter entscheidet anschließend, was davon tatsächlich stattfindet.
Faial – Vulkanlandschaft trifft Seefahrerromantik
Der Hauptort von Faial ist Horta.
Und Horta hat eine Atmosphäre, die sich deutlich von den anderen Inselorten unterscheidet. Die Stadt ist seit Generationen ein wichtiger Zwischenstopp für Segler, die den Atlantik überqueren. Die Hafenmauern sind voller Bilder und Botschaften von Crews aus aller Welt.
Ein Besuch der Marina von Horta gehört deshalb einfach dazu.
Ebenso wie ein Abstecher in eines der traditionsreichen Lokale am Hafen, in denen sich seit Jahrzehnten Segler, Einheimische und Reisende treffen.
Landschaftlich besitzt Faial zwei völlig unterschiedliche Gesichter.
Im Zentrum liegt die gewaltige Caldeira do Faial, ein riesiger grüner Vulkankrater. Schon wenige Kilometer weiter befindet man sich dagegen in einer Landschaft, die beinahe außerirdisch wirkt.
Capelinhos
1957 begann vor der Westküste Faials ein unterseeischer Vulkanausbruch. Er dauerte mehr als ein Jahr und vergrößerte die Insel.
Das Ergebnis ist Capelinhos.
Schwarze Vulkanasche, kahle Flächen, ein alter Leuchtturm und dahinter der Atlantik. Der Kontrast zur ansonsten intensiv grünen Insel könnte kaum größer sein.
Wenn man vorher durch Hortensienhecken, Wiesen und Wälder gefahren ist und plötzlich in dieser schwarzen Landschaft steht, wirkt es fast so, als hätte jemand innerhalb weniger Kilometer die Insel ausgetauscht.
Auch Monte da Guia, die Umgebung von Horta und die Aussichtspunkte über Stadt und Meer sollte man nicht auslassen.
Faial ist eine dieser Inseln, die zunächst etwas unspektakulärer wirkt als Flores oder São Miguel und sich dann ziemlich hartnäckig im Gedächtnis festsetzt.
Pico – der Berg bestimmt die Insel
Von Faial ist Pico nur eine kurze Fährfahrt entfernt. Und bereits während der Überfahrt ist klar, wer hier die Hauptrolle spielt.
Der Pico erhebt sich 2.351 Meter über dem Atlantik und ist damit der höchste Berg Portugals.
Bei klarer Sicht dominiert er praktisch die gesamte Insel.
Der wichtigste Ort ist Madalena, direkt gegenüber von Horta. Von hier aus führen die Straßen durch eine Landschaft, die wiederum völlig anders aussieht als auf den vorherigen Inseln.
Besonders außergewöhnlich sind die historischen Weinbaugebiete.
Wein zwischen Lavasteinen
In Gegenden wie Criação Velha oder Lajido wachsen Weinreben zwischen unzähligen schwarzen Lavasteinmauern, den sogenannten Currais. Diese Mauern schützen die Pflanzen vor Wind und salzhaltiger Atlantikluft und speichern gleichzeitig Wärme.
Das Ergebnis sieht aus wie ein riesiges schwarzes Labyrinth.
Die Weinlandschaft von Pico gehört völlig zurecht zum UNESCO-Welterbe.
Hinzu kommen alte Lavafelder, kleine Küstenorte und die Ponta da Ilha im Osten.
Pico wirkt rauer als viele andere Azoreninseln. Weniger verspielt, weniger üppig. Vulkanstein ist ständig präsent.
Und über allem steht dieser Berg.
Man ertappt sich irgendwann dabei, ständig nachzuschauen, ob der Gipfel gerade frei von Wolken ist. Meistens gewinnt der Berg dieses Spiel.
São Jorge – die Insel der Fajãs
São Jorge ist lang, schmal und von steilen Küsten geprägt. Der wichtigste Ort ist Velas, ein kleines Hafenstädtchen im Westen.
Die eigentlichen Stars der Insel liegen jedoch häufig weit unterhalb der Hauptstraße.
Es sind die Fajãs.
Dabei handelt es sich um kleine, flache Küstenebenen am Fuß der oft mehrere hundert Meter hohen Steilküste. Einige entstanden durch Lava, andere durch Erdrutsche.
Viele dieser Orte waren früher extrem isoliert. Heute erreicht man einige über spektakuläre Straßen, andere weiterhin nur zu Fuß.
Bekannt sind beispielsweise die Fajã dos Cubres und die Fajã da Caldeira de Santo Cristo.
Schon die Fahrten über São Jorge sind ein Erlebnis. Die Straßen verlaufen häufig über den Höhenzug der Insel, links und rechts fällt das Land zum Atlantik ab. Bei klarem Wetter erscheinen in der Ferne Pico und Faial.
São Jorge ist außerdem für seinen Käse bekannt. Der kräftige Queijo São Jorge wird seit Jahrhunderten hergestellt und gehört praktisch zum Pflichtprogramm.
Etwas überraschender ist Kaffee: In einigen geschützten Fajãs wird tatsächlich Kaffee angebaut. Viel kleiner kann europäischer Kaffeeanbau kaum werden.
Richtung Osten wartet schließlich Topo mit einer deutlich ruhigeren, landwirtschaftlich geprägten Landschaft.
São Jorge ist vielleicht nicht die Insel mit dem einen spektakulären Wahrzeichen. Dafür wirkt sie besonders authentisch. Und spätestens nachdem man ein paar dieser Straßen hinunter zu den Fajãs gefahren ist, fragt man sich ohnehin weniger nach Wahrzeichen und mehr danach, wer diese Straßen geplant hat und ob er Menschen grundsätzlich mochte.
Terceira – Kultur, Vulkan und eine außergewöhnliche Stadt
Terceira fühlt sich wieder völlig anders an.
Der wichtigste Ort ist Angra do Heroísmo, und die Stadt gehört für uns zu den schönsten urbanen Orten der gesamten Reise.
Die historische Altstadt gehört zum UNESCO-Welterbe. Bunte Häuser, Kirchen, kleine Plätze, Cafés und gepflasterte Straßen sorgen dafür, dass man das Auto hier problemlos stehen lassen kann.
Nach mehreren Tagen Inselhopping und unzähligen Kilometern war genau das irgendwann ausgesprochen angenehm.
Über der Stadt erhebt sich der Monte Brasil, ein ehemaliger Vulkan, der heute eine große Halbinsel bildet.
Im Landesinneren wird Terceira dagegen wieder geologisch interessant.
Algar do Carvão
Der Algar do Carvão ist einer der außergewöhnlichsten Orte der Azoren.
Hier steigt man tatsächlich in einen ehemaligen Vulkanschlot hinab.
Durch eine große Öffnung fällt Tageslicht in den Krater, dessen Wände inzwischen von Pflanzen überwachsen sind. Weiter unten befinden sich Höhlen und ein unterirdischer See.
Man läuft dort herum und muss sich gelegentlich daran erinnern, dass man sich gerade im Inneren eines Vulkans befindet.
Dazu kommen die Vulkanlandschaften rund um Furnas do Enxofre, die weiten Ausblicke beispielsweise von der Serra do Cume und Orte wie Praia da Vitória.
Terceira verbindet Natur und Kultur vielleicht besser als jede andere Insel unserer Reise.
Inselhopping gehört dazu
Die Azoren bestehen nicht nur aus einzelnen Inseln. Das Reisen zwischen den Inseln gehört zur Erfahrung dazu.
Mal geht es mit kleinen Regionalflugzeugen weiter, mal mit der Fähre.
Dabei lernt man schnell, dass Entfernungen auf einer Karte wenig darüber aussagen, wie unterschiedlich zwei Inseln sein können.
Faial und Pico liegen beispielsweise direkt nebeneinander. Trotzdem wirken sie landschaftlich völlig verschieden. Ähnliches gilt für São Jorge.
Genau deshalb würden wir eine Azoren-Reise jederzeit wieder als Inselhopping planen.
Nur São Miguel zu besuchen wäre schön.
Aber man würde einen großen Teil dessen verpassen, was die Azoren eigentlich ausmacht.
Und das Wetter?
Über das Wetter auf den Azoren könnte man vermutlich einen eigenen Reisebericht schreiben.
Die wichtigste Erkenntnis lautet:
Die Wetter-App hat eine Meinung. Die Insel hat eine andere.
Sonne an der Küste bedeutet nicht, dass zehn Kilometer weiter nicht dichter Nebel herrscht. Ein Aussichtspunkt kann morgens komplett in den Wolken verschwinden und zwei Stunden später freie Sicht bieten.
Deshalb lohnt es sich, flexibel zu bleiben.
Wer versucht, einen minutiösen Reiseplan abzuarbeiten, wird irgendwann wahnsinnig. Besser ist es, morgens aus dem Fenster zu schauen und gelegentlich Pläne umzudrehen.
Die Azoren sind keine Region, die sich vollständig planen lässt.
Und wahrscheinlich ist das sogar ein Teil ihres Reizes.
Kein klassischer Badeurlaub
Wer zwei Wochen weißen Sandstrand, Sonnenliege und garantierte 30 Grad erwartet, sollte möglicherweise ein anderes Reiseziel wählen.
Die Azoren sind ein Ziel für Menschen, die sehen, fahren, laufen und entdecken wollen.
Für Fotografen sind sie ohnehin gefährlich. Hinter jeder zweiten Kurve taucht wieder etwas auf, das fotografiert werden muss. Nach ein paar Tagen besteht die Reise deshalb hauptsächlich aus drei Tätigkeiten:
fahren, anhalten, fotografieren.
Dann 800 Meter weiterfahren und wieder anhalten.
Das erklärt auch, warum erstaunlich kurze Tagesstrecken plötzlich den ganzen Tag dauern.
Was bleibt?
Vor allem die Unterschiede.
Das satte Grün von Flores.
Die Kraterseen von São Miguel.
Die schwarze Vulkanlandschaft von Capelinhos auf Faial.
Der Pico, der über seiner Insel thront.
Die Fajãs von São Jorge.
Die Altstadt und Vulkanhöhlen von Terceira.
Dazu Delfine neben einem kleinen Boot mitten im Atlantik, Sonnenuntergänge über dem Meer, plötzlich aufziehende Wolken, kurvige Straßen, kleine Häfen und immer wieder diese gewaltigen Küsten.
Die Azoren sind kein Reiseziel, bei dem man am Ende sagen kann: „Das Schönste war Punkt X.“
Das Schönste ist die Gesamtheit dieser Inseln.
Jede besitzt ihren eigenen Charakter. Keine wirkt wie eine Kopie der anderen. Und trotzdem gehören sie zusammen.
Wir sind mit ziemlich hohen Erwartungen hingeflogen.
Sie wurden übertroffen.
Nicht, weil auf der Reise alles perfekt gewesen wäre. Wetter ändert Pläne, Fähren und Flüge bestimmen den Tagesablauf, manche Straße fordert etwas Vertrauen in portugiesische Ingenieurskunst und gelegentlich steht man vor einem Aussichtspunkt und sieht exakt nichts.
Aber genau diese Mischung macht die Reise aus.
Die Azoren sind wild, grün, vulkanisch, manchmal rau und erstaunlich vielfältig.
Und wenn man nach mehreren Inseln wieder in Richtung europäisches Festland fliegt, bleibt ziemlich sicher ein Gedanke zurück:
Da waren wir nicht zum letzten Mal.
Eine Reise auf die Azoren ist nicht einfach nur Urlaub.
Sie ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst.
























































































































































































